22.08.15 | Nachtperlen – Point of no return | Dani Karavan: Hommage an Walter Benjamin

Dani Karavans Hommage an Walter Benjamin – „Passagen“
möchte ich eine Tages in Port Bou sehen:
http://kultur-online.net/files/exhibition/01_308.jpg

„„Es gibt nichts Epischeres als das Meer“, beginnt Benjamin einen Aufsatz über Döblins „Berlin Alexanderplatz“. „Man kann sich (…) zum Meer sehr verschieden verhalten. Zum Beispiel an den Strand legen, der Brandung zuhören und die Muscheln, die sie anspült, sammeln. Das tut der Epiker. Man kann das Meer auch befahren. Zu vielen Zwecken und zwecklos. Man kann eine Meerfahrt machen und dann dort draußen, ringsum kein Landstrich, Meer und Himmel kreuzen. Das tut der Romancier. Er ist der wirklich Einsame, Stumme. Der epische Mensch ruht sich nur aus.“ Obwohl der Stadtmensch und Flaneur Benjamin seine Schriften eher den Metropolen als der Natur gewidmet hat, stellen Meer und Küste für das Mahnmal einen wunderbaren Ort metaphorischen Bodens dar.“
http://www.mare.de/index.php?article_id=3467

„Walter Benjamin befand sich 1940 auf der Flucht vor der deutschen Gestapo. Er trug eine Aktentasche mit Manuskripten bei sich. Mit einer kleinen Gruppe unter Führung der Fluchthelferin Lisa Fittko überquerte er am 25. September die Pyrenäen, um in den spanischen Küstenort Portbou zu gelangen. Von dort wollte Benjamin, der ein Visum für die USA besaß, nach Lissabon weiterreisen. Aufgrund einer Herzkrankheit konnte er den Weg nur sehr langsam zurücklegen. Wider Erwarten wurde den Flüchtlingen in Portbou gemäß einer neu erlassenen Verordnung der spanischen Regierung die Einreise verweigert. Benjamin starb in der Nacht zum 26. September in seinem Hotelzimmer. Angesichts der für den nächsten Tag angekündigten Abschiebung der Flüchtlingsgruppe zurück nach Frankreich wird vermutet, dass er sich mithilfe einer Überdosis Morphium das Leben nahm. Benjamin ist auf dem Friedhof von Portbou bestattet, auf dem seit 1979 eine Tafel an ihn erinnert.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Gedenkort_%E2%80%9EPassagen%E2%80%9C

21.08.15 Perlen des Tages | unterwegs – unshopped, R. D. Laing – die Zweite, YES Men im Kino, Ai Weiwei, Fragile


R. D. Laing, die Zweite:
http://roths-psychoblog.blogspot.de/2012/10/ronald-d-laing.html

„Das Selbst und die anderen
In dieser Fortsetzung von Das geteilte Selbst untersucht Laing die Interaktion von Menschen, die gegebenenfalls zu psychischen Störungen und zu Psychosen führt. Die Grundlage solcher Interaktionen ist das „Verstehen” zwischen Ich und Du; aber dieses ist immer lückenhaft. Jeder Mensch kann nur mutmaßen, was der andere denkt und meint. Schlimm wird die Sache allerdings, wenn A genügend Autorität besitzt, um B zuzuschreiben, was er bewußt oder unbewußt empfindet. Hier tut sich ein Tor zu allen möglichen seelischen Vergewaltigungen auf.
Selbst die Wissenschaft übt solche Vergewaltigungstechniken aus, indem sie Menschen wie Tiere behavioristisch in Testsituationen bringt, wo sie sie „motivanalytisch” beurteilt. Dabei bekommen Personen „Triebe” und „Antriebe” zugewiesen, von denen sie manipuliert werden, als ob sie Maschinen oder Roboter wären. Auch die Psychoanalytiker berufen sich auf einen „psychischen Apparat” , dem man das Personsein ausgetrieben hat.
Wenn es nach Laing ein „Unbewußtes” gibt, dann ist das ganz schlicht jener Seelenanteil, den wir weder uns selbst noch den anderen mitteilen. Das ist demnach kein „Sack mit perversen Trieben”, sondern ein Teil der Person, der nicht kommunizierbar ist. Man kann ihn allerdings in Mitteilsamkeit verwandeln.
Wir verwenden einen schiefen Realitätsbegriff, um viele Menschen als „verrückt” zu etikettieren. Nach Laing weiß niemand so recht, was nun eigentlich die Wirklichkeit ist. Familien, Gruppen und Völker einigen sich auf ein phantastisches Gebilde, das sie „Realität” zu nennen belieben. Wehe dem, der nicht mitspielt; es kann ihn Kopf, Kragen und Vernunft kosten!
Wir sind alle in sozialen Netzen gefangen, und Psychotiker sind jene, die aus übergroßer Verstrickung mit unbeholfenen Mitteln ausbrechen wollen. Die Menschen erdichten eine Welt, .die sie für kompakt und nicht-hinterfragbar halten. Wer die Kraft hat, jenseits dieser angeblichen Normalwelt eine passende Eigenwelt zu schaffen, ist ein Künstler. Wer an diesem Versuch scheitert, ist ein „Gemütskranker”, der interniert werden muß.“

Antwort in der Taz auf dumme Diskussionen um Ai Weiwei.

Neues von den YES Men, seit gestern im Kino: http://www.filmstarts.de/kritiken/234341.html

Vor einem Jahr, am 19. August 2014, verstarb die iranische Lyrikerin Simin Bebahani سیمین بهبهانی‎ im Alter von 87 Jahren

سیمین بهبهانی‎, Simin Bebahani wurde mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Sie starb vor einem Jahr und war nicht ganz unumstritten, aber eine kritische, weibliche und gewichtige Stimme.
„Simin schrieb ihre ersten Gedichte im Alter von 14 Jahren im neuartigen Stil Tschâr Parreh (vierzeilige Strophen) von Nima Youschidsch. Auch ihre Sammlung an Ghazals (traditionellen Gedichten) ist bemerkenswert.“ wikipedia

For the dream to ride
You want to erase my beeing, but in this land I shall remain
I will continue the dance as long as I sustain
My verse as vast as a meadow, it’s universe is rooted in my homeland
In the world of ghazal, I’m a fleet-flooting galopping gazelle
I speak as long as I’m alive, fury, roar and revolt
Your stones and rocks I fear not; I’m flood, my flow you can’t halt
I don’t veil my hair, I’m not Gordafarid nor do I pretend
I’m not the woman you decide can lock up in your fortress end
I’m lightning, my silence will not adorn the sight
I’m prelude to thunder, till then I illuminate the night
Your arrow may give my eyes strain but chaising me it’s flying in vain
My back not bow. My head isn’t Esfandjar, I vow
I said what I said to defy or to cry; come what may
It’s the voice that shall remain I’ll wither away
Aiging and ailing, my steed still on my side
Horeseback no longer moves me, it is the dream to ride

Mehr über Simin Bebahani: http://iran-wissen.de/simin-behbahani-ist-gestorben/

Ronald D. Laing über das so genannte „Normale“ und Veranstaltungshinweis: Diagnose: Gesellschaftlich unbrauchbar mit Aussicht auf Heilung

R. D. Laing, „Das schizoide (Anmerkung SR – nicht das schizophrene) Individuum errichtet… keine Abwehr gegen den Verlust eines Teils seines Körpers. Sein ganzes Bemühen zielt darauf, sein Selbst zu erhalten. Das Selbst hat,… eine prekäre Existenz, es ist der Furcht vor seiner eigenen Auflösung in Nicht-Sein unterworfen… Die Autonomie des Selbst ist vom Verschlungenwerden bedroht. Es muß sich schützen vor dem Verlust seiner Subjektivität und seines Gefühls, lebendig zu sein… Das Individuum fürchtet eine reale lebendige dialektische Beziehung mit realen, lebendigen Leuten… Wir schlagen darum vor, daß der schizoide Zustand… als ein Versuch verstanden werden kann, ein Sein zu erhalten, das unsicher strukturiert ist. (S. 94)“ http://www.thur.de/philo/kp/gs.htm
Literatur von Ronald D. Laing – „Das geteilte Selbst“ und „Phänomenologie der Erfahrung“:

In diesem Zusammenhang interessant:
Diagnose: Gesellschaftlich unbrauchbar mit Aussicht auf Heilung
5. September 2015 in Berlin-Neukölln

Analyse und Kritik der heutigen Psychiatrie in ihrer Parteilichkeit für die herrschenden bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse

Im Vergleich zwischen denjenigen, die tagtäglich fröhlich mitmachen, ihre kapitalistische Verwertung als Bewährungsprobe betrachten und auf die nicht ausbleibenden Misserfolge mit einer Anpassung ihrer Erwartungen und Intensivierung ihrer Anstrengungen reagieren und denjenigen, die dies nicht (mehr) können oder wollen, kommen Psychologie und Psychiatrie zum tautologischen Schluss: Verrückte sind nicht normal, da sie nicht sind, wie es sich gehört.
Die von Psychologie und Psychiatrie betriebene ideologische Verklärung des existierenden Klassenverhältnisses und der dazugehörigen Staatsgewalt, unter dem Label der Normalität, lässt nicht mehr die Frage zu, ob die bestehenden Verhältnisse überhaupt etwas für die Interessen und Bedürfnisse der Menschen taugen und ob es vernünftig ist, sich zum Mittel von Kapital und Staat zu machen.

Im Gegenteil: Psychologie und Psychiatrie gilt die Welt als bestehender Sachzwang, an den sich die Menschen anzupassen und einzurichten haben – wobei dieses Funktionieren-Müssen dann auch gleich als „menschliche Natur“ hingelogen wird. Und wer dies nicht (mehr) hinkriegt, dem wird geholfen!
Wir möchten in dieser Veranstaltung am Beispiel psychologisch-psychiatrischer Diagnostik erläutern, welche Denkfehler und welches Menschenbild dem psychologisch-psychiatrischen wie auch dem Alltagsverständnis zugrunde liegen, wenn von psychischen Störungen die Rede ist und selbige fremd- oder selbstdiagnostiziert werden. Dabei soll die Frage beantwortet werden, für welche staatlichen und kapitalistischen Zwecke das psychologisch-psychiatrische System innerhalb hiesiger Verhältnisse Partei ergreift.

Der Ort ist barrierefrei. Anmeldung erforderlich.
Anmeldung unter: https://gegen-kapital-und-nation.org/tagesseminar-diagnose-gesellschaftlich-unbrauchbar-mit-aussicht-auf-heilung

11.08.15 | Weitere Bilder aus der Ausstellung „Honigstrom“ zum Verkauf

Aus dem letzten Jahr (Abzüge, matt, Posterdruck, Stempelsignatur bzw. Druck transparent hinter Acrylglas, 60×80) – Honigstrom
Preise zzgl. Versandkosten.
Kontakt: email post@die-dorettes.de

08.08.2015 – Perlen des Tages

Patrick Spät über das Recht und den Nutzen der Faulheit: www.zeit.de/karriere/2015-07/faulheit-recht-leistungszwang/

Unbedingt lesenswert Arno Gruen über die konstruktive Kraft, der dem Menschen angeborenen Fähigkeit zur Empathie, danke an Svenja S. http://www.deutschlandradiokultur.de/der-empathische-mensch-kann-kriege-verhindern.954.de.html

Ebenfalls nicht verpassen den Blog von Leon Lesch, der auf meinen Beitrag über den „Betonklotz“ sehr nett reagiert hat. Später mehr dazu. Er schreibt sehr originell und liebenswert – auch Geschichte(n) aus dem Crellekiez, der Umgebung und der weiten Welt https://leonesch.wordpress.com

Fehmi Alagün, ein hochbegabtes Multitalent. Er fotografiert wunderbar…

und für Music-Lover und Tanzfaszinierte ebenfalls unbedingt sehenswert, diese Dokumentation „Latcho Drom – gute Reise
http://www.veoh.com/watch/v630488799aG95g7

Und hier zwei Arbeiten von Ai Weiwei
Moon zusammen mit Olafur Eliason
passend zu seiner Aussage „Das Netz ist meine Nation“
https://scontent.cdninstagram.com/hphotos-xaf1/t51.2885-15/e15/11357416_460127570820750_1175674324_n.jpg
Willkomen in Berlin Ai Weiwei.

Was wäre aus Berlin geworden, wenn das bereits 1926 geplante Germania entstanden wäre?

 

Zum Glück kommt manches anders als geplant.

Zum Glück ist dieser Umstand nicht eingetreten. Von dem Wahnsinn, den sich dieser übergeschnappte Österreicher bereits 1926 ausgedacht und in ersten „Zeichnungen“ festgehalten hat, sind einige Modelle, Hitlers Zeichnungen und der Schwerbelastungskörper in der General-von-Pape-strasse auf der Tempelhofer Seite, der geplanten Neuanlage erhalten geblieben. Ein Besuch dort lohnt sich, um sich auch hier vor Augen zu führen, dass wir froh und dankbar sein können, dass es Menschen gab, die dem eintausendjährigen Reich ein Ende nach schrecklichen 11 Jahren bereitet haben.
Der „Schwerbelastungskörper“ selbst wurde in mehreren Phasen von Zwangsarbeitern errichtet. Hier sollte die Tragfähigkeit des märkischen Sands geprüft werden. Die Information, dass er noch bis zur Mitte der 90er Jahre als wertvoller Messort erachtet und von der TU Berlin und Ingenieursgästen aus der ganzen Welt genutzt wurde, erschüttert mich. Er sei trotz der Opfer eine „einzigartige“ Ingenieurleistung in der Welt. So eine Rechnung darf nicht aufgehen. Ich denke an das Elend der Menschen, die ihn ab 1941 als Zwangsarbeiter errichten mußten. Es ist auch am Material zu sehen, dass das sowieso schon eine Zeit des Mangels war, nicht nur des Mangels, den man für die Zwangsarbeiter vorgesehen hatte.

Geplant war es (etwas versetzt) einen Triumphbogen zu errichten, der eine riesige, rampenartige – Panzerauffahrstrasse? gewalzt hätte (120m breit). Die weitere Planung zuzüglich, der Gebäude, der vorgesehenen Querung, hätte heute noch bestehende Blocks und Orte rechts und links der Gleisanlagen zerstört – darunter auch den schönen St.-Matthäus-Kirchfriedhof in Schöneberg, der heute und damals „Ehrenfriedhof“ war und ist. Hier liegen die Gebeine vieler Menschen, derer liebevoll gedacht wird. Nicht nur die der Gebrüder Grimm, auch die von Rio Reiser.

Der Betonklotz, der innen hohl ist und den man betreten kann, ist ein Feldversuch im Massstab 1:1. Er realisiert einen Ausschnitt (1/10) einer der geplanten tragenden Säulen für den Triumphbogen. Das macht die grössenwahnsinnige Dimension des ganzen Projektes deutlich.
Es lohnt sich die daneben errichtete Plattform zu erklettern. Dort oben findet man, neben dem Blick auf die Stadt, ein Modellfoto vor, das den Wahnsinn ohne jeden menschlichen Massstab ganz gut zeigt.
Tröstlich ist der Blick auf die grüne Oase, der Kleingärten, die sich dort erhalten
und sich wie Mahnmale der Subversion behauptet haben. Allerdings sind sie aktuell durch Verkaufspläne gefährdet. Zu dem Ort haben auch einige junge, internationale Künstler_innen gearbeitet http://www.kunstimkontext.udk-berlin.de/wp-content/uploads/SCHWERBELASTUNGSKOERPER_download.pdf

Die Frage, die mich seit meinem Besuch dort vor einigen Wochen am meisten beschäftigt hat – wie konnte Hitler bereits 1926 (siehe Skizze), den Entschluss fassen einen derartigen Plan durchzuziehen? Welche macchiavellistischen, langfristigen Pläne hat er bereits damals ausgeheckt und wessen Unterstützung konnte er dabei nutzen.

Modell Planung Achse Germania

Modell Planung Achse Germania, der untere rote Punkt (7) markiert den Standort des Schwerbelastungskörpers… Foto: PR