Wie mich das gewinnorientierte Gesundheitssystem fast mein Leben kostete und ich dadurch zur Besetzerin wurde

Wenn ich an die zurückliegenden zwei Jahre meines Lebens denke, fällt es mir noch immer schwer, meine Gedanken dazu zu ordnen. Mit voller Wucht habe ich erfahren, was es bedeutet, Vertrauen in ein Gesundheitssystem zu setzen, das gewinnorientiert organisiert ist. Letztlich hat es mich nicht nur beinahe mein Leben, tatsächlich meine Familie und fast mein komplettes bisheriges soziales Umfeld gekostet. Die Folgen trage ich persönlich, ohne dass ich eine Möglichkeit sehe, eine Wiedergutmachung für den Schaden zu erhalten, den ich erlitten habe – ich muß froh sein, dass ich trotzdem noch lebe. In meinen Augen ist das eine direkte Folge einer Politik, die sich mit utilitaristischen Prinzipien als „ethischem“ Handlungsrahmen zufrieden gibt und damit Gewissen abschafft.

Ich schreibe dies zur Warnung und in der Hoffnung, dass viele erkennen, dass ihnen, was mir passiert ist, jederzeit selbst so oder so ähnlich passieren kann, wenn sie nicht mit dafür sorgen, dass in der Politik etwas anders läuft und die Gesundheit von Menschen in „unserem“ Gesundheitsystem nicht von Fehlsteuerungen abhängen darf, die dadurch entstehen, dass irgendetwas operiert wird, nur um Kasse zu machen.
Ich habe überlebt, aber ich zahle einen hohen Preis. Das wovon ich hier berichte, ist der einzige Stachel, den ich habe, um mich zu wehren und selbst, wenn ich nichts ändern werde, habe ich andere gewarnt.

Ich bin im Leben treu, so auch mit Ärzten. Mein Hausarzt hat mir, als ich so um die vierzig war, geholfen herauszufinden, dass die Bauchschmerzen, die mich in meinem Leben immer wieder plagten, auf eine Darmausstülpung zurückführen liess, die sich immer wieder entzündete. Das kann man sich so vorstellen, wie einen weiteren Blinddarm, der sich entzündet hat. Bei mir war das eine Laune der Natur und der Gastroenterologe, der das diagnostiziert hat, gab mir einige Tipps, was ich bei einer akuten Entzündung tun sollte und als Perspektive auf den Weg, dass ich doch vielleicht irgendwann operiert werden müsse. Im Laufe der Jahre hatte ich immer mal wieder Beschwerden, die ich in akuten Phasen auffing indem ich eine Weile nur Suppen zu mir nahm. Meist traten die Entzündungen nach längerem Sitzen auf, zum Beispiel nach langen Autofahrten. Im Sommer 2014 hatte ich einen entzündeten Zeckenbiss, ein Fall bei dem es angezeigt war Antibiotika zu nehmen. Darauf reagierte ich aber mit heftigen Bauchschmerzen und Erbrechen, irgendwie blendete ich den Zusammenhang zu dem Divertikel aus. Mir war auch nicht klar, dass die wiederholten Entzündungen ernste Folgen hatten. In den folgenden Monaten hatte ich öfter Bauchgrummeln, aber ich hielt das für eine Folge nicht ganz regelmäßigen Essens. Etwa vier Monate später hatte ich wieder heftige Bauchschmerzen, aber mehr im Oberbauch. Ich begann mich dauerzuerbrechen und ging zum Hausarzt. Da ich Schmerzen im Leber-Galle-Bereich hatte, verschrieb er mir eine ambulante MRT-Untersuchung vergaß aber sie mit einer Blutuntersuchung vorzubereiten.
Schließlich mußte ich die Notaufnahme eines Feld-Wald-und-Wiesen-Krankenhauses aufsuchen mit dem ich in anderem Zusammenhang gute Erfahrungen gemacht habe.
Ich hatte grosse Schmerzen im gesamten Bauchraum, war ausgetrocknet, gleichzeitig war mein Bauch angeschwollen und ich hatte seit Tagen nichts mehr bei mir behalten können und war von den durchwachten Nächten reichlich übermüdet. In der Notaufnahme wies ich auch auf das Divertikel hin. Eine junge Ärztin machte einen Ultraschall von der Galle und der Leber, wo die Schmerzen lokalisiert war.

Man behielt mich da, um mir die Gallenblase herauszunehmen. Zuvor wurde auch noch ein weiterer Ultarschall gemacht, auch von dem Bereich in dem das Divertikel war. Der Arzt gab die Auskunft, er könne nichts erkennen, da sei zuviel Luft. Die Pflegerinnen guckten wütend. Ich war irritiert, war aber voll Vertrauen, was blieb mir auch übrig.
Nach der erfolgten OP und der Versorgung mit Flüssigkeit über einen Tropf fühlte ich mich besser (ich war ja zugedröhnt), doch ich kotzte weiter. In Panik bat ich die leitende Chirurgin zu kommen und wies sie auf meinen weiter schlechten Zustand und den weiter angeschwollenen Bauchraum hin. Sie ging mich harsch an, ich könne alles essen. Ich sagte mir daraufhin, das Erbrechen sei vermutlich eine Folge der OP. Auf dem Flur traf ich die Ärztin, die operiert hatte, ich bedankte mich, sie murmelte: „Wenn es das denn war. Sie hatten nur etwas Gries in der Gallenblase.“ Ich war noch nicht alarmiert, stutzte aber doch. Man dröhnte mich weiter zu und wollte mich schnell wieder loswerden. Doch ich war so geschwächt, dass ich nicht mehr klar denken konnte und davonlief, statt mich regulär entlassen zu lassen. Ich irrte im im Regen im Winter durch die Strassen unserer Stadt, bevor ich nach hause ging. Dort kam ich völlig erschöpft an, doch meine Familie brachte mich in meinem unterzuckerten Zustand weiter krank zurück in dasselbe Krankenhaus – in die geschlossene Psychiatrie.

Über die schrecklichen nächsten drei Wochen in denen ich sehr wenig Aussenkontakt und spärlich Besuch hatte, will ich hier nicht schreiben. Die hygienischen Umstände waren katastrophal und ich war ja weiter erkrankt, doch meine Bitte dem nachzugehen, dass ich nicht auf die Toilette konnte, folgte die Gabe eines Abführmittels. Das war kontraindiziert, wie ich inzwischen weiss, denn ich hatte einen Darmverschluß. Direkt danach hatte ich allerdings kurz Durchfall, bevor ich überhaupt keinen Stuhlgang hatte. Da auf der Station der Norovirus aufgetreten war, wurde behauptete bei mir bestünde nun Verdacht auf Noro. Ich wurde isoliert und war immer noch eingesperrt. Ich mußte erst die Zwangszeit hinter mich bringen, um gegen ärztlichen Rat zu gehen. Als ich zu einer Untersuchung abgeholt wurde, machte ich mir Hoffnungen, dass jetzt meinen Bauchbeschwerden auf den Grund gegangen würde. Doch die giftige Chirurgin begutachtete lediglich, ob die Narben sich entzündet hatten und sagte, ich sei gesund. Der Pfleger, der mich vor die Tür begleitete, als ich endlich gehen konnte, sagte: „Ich würde auch gehen.“

Doch ich war immer noch nicht gesund. Wieder Schmerzen – ich nahm ja keine Medikamente mehr, die das unterdrückten. Zwei weitere Male ging ich zu meinem Hausarzt, bis er, nachem er meinen Bauch untersucht hatte, blass um die Nase wurde und mich wieder ins gleiche Krankenhaus schicken wollte, die hätten vielleicht einen Fehler gemacht und ich müßte da noch mal hin. Diesmal kam ich in ein anderes Krankenhaus, weil ich mich weigerte. Dort fand man schnell heraus, dass es ein Darmverschluß war. Mir wurde ein faustgrosses Narbengewebe entfernt – wäre ich damals vom Endokrinologen über diese Gefahr aufgeklärt worden, hätte ich besser für mich sorgen können – und ich wachte nach der Not-OP auf der Intensivstation auf – mit einer riesigen Narbe und einem künstlichen Darmausgang. Nach kurzer Zeit wurde ich entlassen.

Meinen Geburtstag feierte ich fiebrig mit ein paar Bekannten und meiner Familie und ging früh ins Bett. Da ich einen Vertrag abgeschlossen hatte und mir Sorgen machte, wie ich meine Rechnungen bezahlen sollte, ging ich schon bald wieder arbeiten, doch ich war überfordert und erschöpft. Dass ich einen Anspruch auf eine Rehabilitationskur hätte, darüber wurde ich erst von meiner Schwiegermutter aufgeklärt. Ich sprach einen niedergelassenene Arzt darauf an, doch befand dieser, dass ich sie erst bekommen solle, wenn der künstliche Darmausgang zurückverlegt worden sei.

Ich versuchte dann alles auf einmal, gesund zu werden, Kraft zu schöpfen und Geld zu verdienen und den Gewichtsverlust von 20 Kilo auszugleichen. Das habe ich nicht gepackt und plötzlich war niemand mehr da, der mich unterstützte. Ich klappte wieder zusammen. In der Aufnahme liess mich ein Arzt, einen Arztbrief einsehen in dem stand, dass bei meiner Entlassung aus dem ersten Krankenhaus gewußt wurde, dass ich einen Darmverschluß zu dem Zeitpunkt hatte. Mich hat man damals nicht darüber aufgeklärt. Da stand „Divertikulitis – nicht perforiert“. Das legt den Schluß – zusammen mit den merkwürdigen Andeutungen dort – nahe, dass ich unnötig operiert worden war, und man um das zu vertuschen mit meinem Leben gespielt hat.

Jetzt ist nichts mehr so, wie es war. Ich lebe noch, aber meine Wohnung mußte ich besetzen, als meine Beziehung unter der Belastung zerbrach. Es wurde mir nichts geschenkt. Von den meisten Bekannten habe ich nie wieder gehört und mir ist klar, dass es nicht möglich ist, das alles ungeschehen zu machen oder das Unrecht wieder gut zu machen. Möglich ist so eine Geschichte nur vor dem Hintergrund, dass das Gesundheitsystem an Gewinnen orientiert ist. So wie mir eine Bekannte, die in einem Krankenhaus arbeitet, sagte, ja, das sei so – sie erlebe immer wieder, dass der Sterbeprozess bei alten, gebrechlichen Leuten durch Gerätemedizin unterbrochen würde, weil wirtschaftliche Interessen – auch von Verwandten dagegen stünden.

Vielen Dank, dass Ihr Euch die Zeit genommen habt, um meine Geschichte zu lesen. Wenn Ihr im Gesundheitssystem arbeitet oder auch ganz normale Leute seid – bitte handelt nach Eurem Gewissen, klärt auf und tretet für eine Gesellschaft ein in der Daseinsvorsorge nicht gewinnorientiert funktioniert – Ihr könntet selbst auch einmal davon betroffen sein.

Dankeschön,
Eure Sabine, ein Mensch unter Milliarden nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wie gefährdet wir im aktuellen Gesundheitssystem sind, das Betrugsanreize schafft, ist auch hier dokumentiert.
http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Operieren-und-kassieren-Ein-Klinik-Dat/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=43636430

 

Medeas Klage vor den Göttern – Warnung an Liebende

Oh Götter, hört mich, auf irdische Gerechtigkeit kann ich nicht hoffen – allein in der Fremde habe ich keine Fürsprecher, meine Familie ist mir entfremdet oder tot. Welch‘ schändlichen Verrat durch Iason habe ich erfahren. Wie nutzte er meine Leichtgläubigkeit, doch „Liebe“ war nur ein Wort für ihn, benutzt, um sich meiner zu versichern. Er hat mich ausgebeutet, auf gleiche Weise wie seine eigenen Kinder und als er sich mehr Nutzen an anderer Stelle versprach, setzte er sie auf den Scheiterhaufen und beschuldigte mich der Tat. Ich klage ihn an – der Gewaltätigkeit, der Selbstherrlichkeit, der Herrschsucht, der Willkür, des Meineids, der Untreue, der Lüge und des Verrats. Er handelte ohne Gewissen, geleitet von dem Willen, die Welt sich untertan zu machen – einzig zu seinem eigenen Vorteil. Gegen mich legte er falsches Zeugnis vor der Welt ab und hängte mir den Kindesmord an. Doch obwohl ich vereinsamt war in der Fremde und selbst meine Kinder mich verleugneten, da ich machtlos und ihr Vater so machtvoll war, wie konnte man glauben, ich hätte sie gemordet, selbst als ich sah, dass es nun um ihre Zukunft schlecht bestellt war?

Seit Jahrhunderten bin ich falsch der Tat verdächtigt und gelte als Mörderin. Doch habe ich nie Unrecht mit Unrecht vergolten. Strafe für solchen Frevel ist allein Sache der Götter. Ich aber bin entehrt vor der Welt, weil ich an Liebe glaubte. Liebe ist nur ein honigsanftes Instrument zur Unterwerfung und Verführung der Leichtgläubigen. Wer den Schwüren der Liebe glaubt, der wird getäuscht. Liebe schwört nicht, Liebe ist treu. Häuser werden nur vollendet, von denen, die klug genug sind, dem Verrat vorzubeugen. Meerschaum und Honigtau sind kein Fundament. Liebende sorgt dafür, dass ihr nicht auf Vertrauen gründet, sondern alles tragen könnt, wenn es von Euch zu tragen ist. Gebt niemandem die Macht, Euch aus der Menschheit auszuschliessen, sonst werdet ihr bestraft durch die Götter, weil Ihr das Unrecht damit möglich macht und den Gewissenlosen die Macht zum Unrecht ermöglicht.

10.11.2016 | Die Illusion des Normalen

Die Tyrannei der Normalität lebt von der grossen Illusion der ewigen Weiterexistenz des Normalen und der Flüchtigkeit des Aussergewöhnlichen, dabei wird es wohl eher umgekehrt sein, denn das Normale ereignet sich nicht. Es ist nur der Hintergrund für das Eigentliche. Im Grunde existiert das Normale nicht, denn es hat keine Substanz. Die Frage nach der Ewigkeit stellt sich erst im Angesicht der Unwiederholbarkeit eines Menschen und wer da genauer hinsieht, kann die Aussergewöhnlichkeit eines jeden Menschen gewahren. Dann kommen in hellen Momenten, sogar hinter dem Schleier der wohlanständigen Normalität all der Normopathen, die längst vergessenen lebendigen Farben zum Vorschein und an diese einmaligen Färbungen erinnert man sich, wenn man sich an Menschen erinnert.
Prof. Dr. Manfred Lütz, Psychiater und Philosoph, Irre wir behandeln die Falschen

05.11.2016 | Aus dem Garten Epikurs

Mit A. über autotrophe und heterotrophe Organismen gesprochen. Menschliche Wesen sind heterotrophe Organismen, sie leben in Symbiose mit den autotrophen Organismen. Der Wunsch zur Autarkie ist daher ein anderer als der zur Autonomie. Deckt er sich mit dem, was wir vom Leben bisher wünschen und erwarten?

https://de.wikipedia.org/wiki/Autotrophie
https://de.wikipedia.org/wiki/Heterotrophie

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01.11.2016 | Freude schöner Götterfunken. Perlen.

Mein Herz kann man nicht brechen, dazu habe ich zu viel Verstand.
Besser, danke Cordula B.:
Mein Herz kann nicht gebrochen werden, dazu habe ich genug Verstand.

Heirlooms from my mom. She made the owl-figure by makramee, this was inspired by some gifts of my aunt Barbara – her sister …

https://de.wikipedia.org/wiki/Makramee

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Eins der Lieblingsrezitate meiner Mama selig. Ich habe noch Ihr vergnügtes Quieken vor Augen – besser – im Ohr, wenn sie es mal wieder vortrug:
Der Eber, der ist missgestimmt,
weil seine Kinder Ferkel sind.
Nicht nur seine Frau, die Sau alleine,
nein, die ganze Verwandschaft – alles Schweine.

Wahre Worte, einem hamburger Schullehrbuch der 70er Jahre entnommen…

30.10.2016 | Die Liebe schöpft sich aus der Verstandeskraft, Hass begründet sich auf Irrtum

Als weibliche Persönlichkeit hatte ich oft zu wenig Selbstvertrauen. Aber Platon selbst, der Überlieferer der Ursprünge und Begründer der westlichen Philosophie, hat Frauen grosser Verstandeskraft in der Figur der Diotima einen Ehrenplatz eingeräumt. Wir Frauen dürfen daher vielleicht etwas mehr Selbstvertrauen haben, als wir vermuten, das es uns zugestanden wird.

Platon ordnete Sokrates als seinen Lehrer ein. Da er in seinen Darlegungen genealogisch vorging, zeigt das, wie hoch er ihn schätzte. Doch berichtet Platon im Symposion, dass Sokrates selbst sich von Diotima, die geübt in der dialektischen Lehr- und Reflexionsmethode war, über die Liebe belehren liess, die aus der Kraft des Verstandes, beziehungsweise aus der Kraft des Verstehens, entspringt, sich vom Begehren unterscheidet und das Geliebte in die Freiheit entläßt – eben ausgehend vom Verstand.

Verstehen ist aber kein Selbstzweck, sondern es führt heraus aus der Resignation und macht mich als Individuum handlungsfähiger, indem es den Handlungshintergrund klärt und mich reifen läßt und zwar als Akteur in der Gesellschaft und in meiner sozialen Einbindung. Die Antwort lautete daher nicht: „Weniger denken, mehr leben.“ Sondern geordneter Denken -> mehr lieben, Lebendigkeit wahrnehmen, weniger leiden. Gut geleitete Verstandeskraft führt also zu Herzenskraft -> zum Guten, zur Liebe.

Wir haben keinen Grund zur Annahme, dass wer den Satz: „Ich bin, ich existiere.“ nachvollziehen kann, an einem Mangel an Erkenntnisanlage leidet, der ihn an der Entwicklung seiner Liebesfähigkeit hindert. Dies ist ausreichend als Nachweis der Verstandeskraft, um zur Liebesfähigkeit im Sinne von einem aktiven „Lieben“ also „Verstehen“ zu gelangen.

Einschub: In den Meditationes schreibt Descartes: „Nachdem ich alles genug und übergenug erwogen habe, muß ich schließlich festhalten, daß der Satz „Ich bin, Ich existiere“, sooft ich ihn ausspreche oder im Geiste aufasse, notwendig wahr sei“.[29] Diesem Ego sum, ego existo folgt im 8. Abschnitt derselben Meditation eine Antwort auf die Frage „Also was bin ich nun? Ein denkendes Ding.“ Sofort schließt sich die Konkretisierung an „Was ist das? – Ein Ding, das zweifelt, einsieht, bejaht, verneint, will, nicht will, das auch bildlich vorstellt und empfindet.“[30]

Abschnitt 8, Meditationes II

Wenn Ihr mir soweit bei meinen Überlegungen folgen wollt, dann heisst: „Habe Mut Dich Deines (eigenen) Verstandes zu bedienen. Sapere aude.“ -> Habe Mut zu lieben.

Interessant scheint auf diesem Weg auch der Denker, Religionsphilosoph und Humanist Martin Buber gewesen zu sein. http://sites.arte.tv/culture-touch/de/video/martin-buber-religionsphilosoph-und-humanist-0

Hierzu ein kleiner Dialog mit einem Freund von vor einigen Tagen:
„Guten Abend, liebe Freunde: Um noch einmal meine nicht ganz ernstgemeinte Frage von vor einigen Wochen zu beleuchten: „Ontologische Bestimmung des Menschen?
Nach der letzten VL zur praktischen Philosophie möchte ich vorsichtig fragen, ob sich Hamlet folgendermaßen konkludieren liesse: „Schwein oder Nichtschwein, das ist hier die Frage.“
(Selbstverständlich richtet sich dies nicht gegen Tiere dieser Gattung, die in diesem Begriff als Zuschreibung/Selbstidentifikation auf menschliche Charaktere falsch und völlig unzureichend verstanden werden.) :)“
Wenn zur menschlichen Existenz die soziale Natur eine notwendige, aber nicht allein hinreichende Bedingung ist, läßt sich obige Spekulation sofort verneinen. Das menschliche Individuum ist in seiner Existenz notwendig sozial bedingt. Daher ist der Erhalt sozialer Bedingungen, Bindungen und Gefüge zu seiner Existenz notwendige Voraussetzung und vernünftig und nach Kant daher sittlich.
Dieser Umstand spiegelt sich auch in den menschlichen Bedürfnissen und Emotionen. Das eine partielle Abgeschiedenheit überstanden werden kann oder partiell aufgesucht wird, um zu regenerieren oder zu reflektieren widerspricht dieser Aussage nicht, sie ist in gewisser Weise ein sozialer Umstand. Dies wird nur möglich indem bereits ausreichend soziale Bedingungen vorhanden waren oder Substitute zur Verfügung stehen – siehe Mythos von Romulus und Remus oder Tarzan oder ähnliches. Destruktives Verhalten, das sich gegen den sozialen Teil der menschlichen Natur richtet, richtet sich also gegen eine notwendige Bedingung der menschlichen Existenz (sein) und damit gegen die eigenen Existenzbedingungen (nichtsein). Sie richten sich gegen die vernünftige Natur des Menschen – sind also unvernünftig. In einem gesellschaftlichen Zusammenhang, der die soziale Natur zerstört, richtet sich die Destruktion also in unvernünftiger Weise gegen eine notwendige Bedingung der Existenz des Individuums selbst. Unsere Vorstellung menschliche Existenz sei bindungslos möglich, ist also ein Fehlschluß. Die menschliche Freiheit destruktiv gegen die Sozialität zu handeln ist also garnicht da, sondern ein unvernünftiger Fehlschluß, der sich gegen die eigene menschliche Existenz selbst richtet. Zwar ist die Entwicklung des menschlichen Urteilsvermögens aus einer zunehmend unabhängigeren Perspektive ebenfalls eine notwendige Bedingung des Erhaltes der menschlichen Existenz, aber eben nicht bedingungslos entwicklungsfähig.
Dies macht auch eine menschliche Existenz ohne irgendeine Form des Umweltbezugs undenkbar. Mit Umwelt meine ich durchaus auch Erinnerung – also die Anwesenheit von Vorstellung und (Ver)bindung mit Vergangenem in der Gegenwart. Allerdings ist allein Erinnerung ebenfalls keine hinreichende Bedingung für die Existenzfähigkeit eines menschlichen Individuums.
Habe ich alle Klarheiten beseitigt?“

CZ
„Also wenn schon Schwein, dann „Wildschwein oder Trüffelschwein, das ist die Frage“. Höheres Bewusstsein entsteht durch eine verfeinerte Differenzierung und Abgrenzung. Wer sich also wie Hamlet nur gegen ein Nicht oder gar gegen ein Nichts abgrenzt, kommt wie im Drama erzählt wird, in Teufels Küche. Die Lehre vom nicht Sein wird bereits seit der Veda heiß diskutiert und wie ich meine zurecht. Es lässt sich aus dieser Alles oder Nichts- Ontologie überhaupt kein Gelingen entwerfen. Gerade auf ein Gelingen ausgerichtete Lebensentwürfe brauchen nämlich feine Ausdifferenzierungen.“

Meine Antwort
„In dem Buch „Grundzüge einer modernen Anthropologie“, das ich mit grosser Begeisterung und wachsendem Verständnis lese, wird deutlich, dass die Differenzierungsfähigkeit des Intellekts eben die oben angesprochene Phase des menschlichen Individuums ist, in der schon eine Reifung unter anderem durch soziale Bedingungen stattgefunden hat, die aber seine Existenz als Person von der Fertilisation an nicht unterbricht. Die Differenzierungsfähigkeit ist also nur eine Eigenschaft an der Person, die von ihrer Natur zur Vernunft bestimmt ist und von der Fertilisation an da ist.
Dann spielt Gelingen eine Rolle in dem Sinn, Existenzbedingungen für Leben möglichst im Austausch mit allen notwendigen Bedingungen zu finden. Für den Embryo wäre dann also zum Beispiel die Einnistung in den Uterus eine gelungene Bedingung (und übrigens Teil einer sozialen Interaktion) und Bewußtsein eine Eigenschaft/ein Prädikat an einer Person, die kontinuant existiert. In dem Buch wird dies eine diachrone Identität genannt.
In der embryonalen Phase ist die Uteruseinnistung eine existenzielle Frage, da geht es um eine notwendige Bedingung zur Existenz. Betrachten wir die weiteren notwendigen Voraussetzungen auf dem Weg des menschlichen Lebens sind sie von der Sozialität als einer notwendigen Bedingung nicht ablösbar.“

CZ
„Differenzierungsfähigkeit ist sicher der Anfang. Nur was folgen sollte ist eine Verfeinerung der Qualität in der Differenzierung unseres Seins als eine Bewusstseinserweiterung durch unser Handeln. Denn im Normalfall wissen wir was wir getan und was wir unterlassen haben. Jede Tat bleibt untrennbar mit unserem Sein verbunden.
Für den Embryo mag Hamlets Frage als ein Versuch einer Abgrenzung gegen ein nicht sein noch Relevanz haben, aber wenn ein erwachsener Mann diese Frage stellt, hege ich eben tiefe Zweifel, ob so jemand ernsthaft noch die Verantwortung für seine Taten übernehmen kann. Dieser Mensch, so bleibt zu hoffen, fällt vielleicht zurück in einen Uterus, um sich seinem Wesen und dem damit verbundenen Schmerz des Wachstums erneut zu stellen.“

Meine Antwort
„Lieber Christoph, die Differenzierungsfähigkeit ist der Anfang von was? Eben nicht der menschlichen Existenz, sondern ist seine Anlage, sein Potential und ein Teil seiner existenziellen Bedingung in einer bestimmten Lebensphase. Du hast recht, so wie ich es meine ist es radikal formuliert. Ich meine tatsächlich, eine Gesellschaft die Bedingungen schafft, die die Sozialität negiert, negiert sich selbst zutiefst.
Zwar kann Wachstum durchaus mit einem (Geburts)Schmerz verbunden sein, aber Leid entsteht meist aus der Erfahrung, dass gerechtfertigte und notwendige Bedingungen der individuellen Existenz keine Antwort finden.
Sittlichkeit begründet sich aus der Einsicht in die notwendigen Bedingungen der menschlichen Existenz. Ist also keine Frage von Himmel oder Hölle, sondern der Vernunft.
So wie die Anlage zur Bindungsfähigkeit eben ganz vernunftgemäß „funktioniert“. Wir werden dabei mit Lust belohnt, weil sie eben in der menschlichen Existenz einen vernünftigen Sinn macht. Liebe ist also so betrachtet ganz schön vernünftig und Haß ein Irrtum.“

CZ
„Differenzierung als Fähigkeit, die sich an der Freundlichkeit (Schönheit) und Feindseligkeit (Hässlichkeit) der Welt ausrichtet, ist der Anfang von einem Wachstum. Wachstum des Bewusstseins entsteht aber erst, wenn ich das was schön ist bewusst herstelle, also selbstbestimmt die Welt gestalte. Es wird über eine reine Sozialität eine ‚Soziabilität‘ durch eine Bindung hergestellt, die nicht mehr rein genealogischer Natur ist, sondern kultureller oder wenn man so will von einer ästhetischen Dimension. Nur so kann der Mensch seine Gewalttätigkeit gegen das Andere zügeln, denn das Fremde ist ihm ein Element und Gegenspieler zur Gestaltung einer gemeinsamen Welt geworden. Abgrenzung innerhalb einer Pluralität, statt reine Ausgrenzung ist das Rezept zur Herstellung von funktionierenden Lebensräumen. Es geht um Koexistenz und nicht weiter um Existenz in einer Verfeinerung unserer Differenzierungsfähigkeit. Jeder gesunde Wald macht das so! Deswegen halte ich es auch nicht für abwegig, wenn die Ureinwohner des Waldes glauben, dieser Lebensraum verfüge über ein eigenes Bewusstsein, in dessen selbstähnlicher Form erst unser Bewusstsein (Gehirn) entsteht. Ohne Wald kein Waldmensch.

CZ
„“Hass ein Irrtum“? Nein, Hass ist eine Emotion, die einen epistemischen Grund hat. Hass zeigt den Irrtum an, ist aber selbst ein Teil meines Sinnesapparates. Mag sein, dass er aufgrund einer Täuschung sich in mein Bewusstsein hebt, nur ein Irrtum ist er selbst nicht, denn er ist ja Teil einer wahrgenommenen Realität.

Es ist sehr gefährlich bei Gefühlen Irrtümer zu unterstellen, sind sie doch Reaktionen auf Tatsachen. Die Hassdiskussion ist deshalb auch falsch geführt und die damit einhergehende Diabolisierung des Hasses, dient allein der Durchsetzung einer Ideologie, die ganz sicher widernatürlich ist. Man könnte auch sagen: Es wird versucht die kulturelle und damit auch intellektuelle Immunabwehr außer Kraft zu setzen.

Das ist schon lange kein Kampf der Kulturen mehr, sondern ein Kampf der Reichen gegen den Rest der Welt.

Wenn also unsere Kulturen gegeneinander ausgespielt werden, dann allein weil man eben bereits entschieden hat, dass es für die Menschheit keine Reorganisation und Restauration der Gesellschaftsordnung geben kann. Entzieht man einer Gesellschaft nämlich Ihren kulturellen Mittelpunkt tritt Chaos und Vernichtung hervor.

Kultur heißt im wesentlichen Differenzierung also Abgrenzung und nicht Integration!

Wach auf liebe Sabine! Das ist kein Humanismus und auch kein Streben zum Pluralismus, wenn Integration in einem derartig großen Stil propagiert wird, sondern unsere Situation scheint auf einem äußerst perfiden Plan zum Machterhalt einiger Initiatoren dieser Machenschaft von Kultur- und damit Menschheitsvernichtung zu basieren.

Hamlet ist nämlich derzeit am Drücker, wenn Du verstehst was ich meine! Die Reichen (Asoziale) fürchten sowas wie eine französische Revolution mit Guillotine und einer gewaltsamen Wiederherstellung von Gerechtigkeit und das zurecht: Sein oder nicht sein?“

CZ
„Falls es sich tatsächlich so darstellt, wie ich vermute, was sollten wir tun?

Ich würde meinen unsere Kultur verstärken könnte helfen, um eben jenen Mittelpunkt zu erhalten. Der Konsumismus hat zwar einige Stärken unserer Identität lahm gelegt, so zum Beispiel die Übung in Askese durch eine Fastenzeit.

Wir bräuchten jedoch nur in die alten Schriften blicken, um den weitgehend brachen Teil unserer durchaus noch mächtigen und gut konservierten christlich-abendländischen Kultur eine Renaissance zukommen zu lassen.

Wir könnten zudem, statt wie Hamlet an nichts zu glauben, wieder anfangen die Möglichkeit eines höheren Sinns und Bewusstseins in Betracht ziehen. Dazu bedarf es im Christentum keines Fundamentalismus, sondern lediglich eine Schule des apokalyptischen Denkens, wie sie jüngst von Bazon Brock gefordert wurde.

Ich bin also trotz der prekären Lage aufgrund des Wissens um die Stärken unserer kulturellen Wurzeln weiter zuversichtlich, dass wir es schaffen können. Nur vermutlich aus Gründen, welche die Kanzlerin in der Folge ihrer reinen Beschwichtigungsformel aufgrund von Planlosigkeit gar nicht nennen kann.

Und klar, sollten wir dem Hass keinen weiteren Raum geben, nur werden wir ihn nicht durch Argumente besiegen, sondern nur durch ein liebevolles und friedfertiges, um nicht zu sagen, christliches Handeln.“

Meine Antwort
„Danke für Deine interessanten Überlegungen, die aber trotzdem ein bißchen an meinen Überlegungen vorbei gehen. In der Tat versuche ich etwas anthropologisch zu fassen, was politische oder besser gesellschaftliche Konsequenzen hat. In Punkto Haß gebe ich Dir recht, habe ich ungenau gedacht und formuliert. Ich denke aber doch, der Mensch strebt nach dem guten Leben und zwar aus ihm gemäßen guten mit anderen Worten vernünftigen Gründen. Und das beinhaltet seinen existenziellen Bedürfnissen vernünftig entsprechend zu antworten, beziehungsweise Antworten zu finden. Der Haß drückt also Emotionen aus, die zunächst ihre Berechtigung haben können, aber bei ihnen stehen zu bleiben ist ein Hinweis auf einen Irrtum. Die Dynamik unserer Wirtschaft wird und kann nicht von einzelnen Individuen kontrolliert werden, nur die Prozesse abgemildert und abgefangen. Selbst, wenn man fantasiert, das menschliche Individuum könne ohne im Austausch der Prozesse des Werdens und Vergehens zu verbleiben existieren und fleissig weiter die irdischen Lebensgrundlagen zerstören. Er reißt seine eigene Existenz letztlich mit in den Abgrund.
Ob das Christentum der Ersatz für die Selbstauseinandersetzung sein kann, weiss ich nicht. Das ist eine Frage, die jeder nur individuell beantworten kann.
Argumentative Auseinandersetzung halte ich auch für einen Teilbereich von Kultur.
Das Dilemma in dem Hamlet sich befindet kann er unmöglich allein auflösen indem er in der Rolle bleibt, die ihn drängt gegen das gute Leben zu handeln. Daher täuscht er in Shakespears Stück ja auch Wahnsinn vor, um dem Morddruck zu entkommen.
Im Hinblick auf die Verstärkung der Selbstauseinandersetzung ist Kultur und deren Teilbereich Bildung, allerdings eine notwendige Bedingung – eben leider nicht hinreichend. Mal abgesehen davon, dass das Recht auf Bildung unterlaufen wird.“

CZ
„Es ist sehr irreführend, wenn wir Christentum und christlich-abendländisches Brauchtum nicht unterscheiden. Ich meine lediglich, dass wir davon profitieren und unsere kulturelle Integrität stabilisieren, wenn wir uns auch mal konkret mit den Inhalten unserer Vergangenheit und unseren Mythen auseinandersetzen. Dabei ist es zunächst unerheblich ob wir sie mehr dem Christentum zuschreiben oder verschämt eher einem europäischen Humanismus. Wenn dann ist es ja eine Auseinandersetzung mit uns in unserer Vergangenheit, die nun mal vornehmlich christlich geprägt war. Das ist also kein Ersatz, denn all das Denken ist doch noch überall gegenwärtig und damit relevant.

Wir müssen eben auch stichhaltig nachweisen, dass eine Islamisierung gar nicht droht, weil hinter dem Konsumismus eine viel stärkere kulturelle Kraft weiterhin lebendig wirkt. Darum geht es mir. Das muss doch gesagt werden, wenn zum Beispiel Panik wegen einer zunehmenden Überfremdung entsteht. Ich habe die aktuelle politische Lage eben als exemplarisch angesehen, wie unvernünftig mit Fakten umgegangen wird, statt sie eben in die Bedenken und Entwürfe eines guten gelingenden Lebens zu integrieren.

Gerade ein Diskurs über die Möglichkeit einer Islamisierung wird ja gar nicht ernsthaft in Betracht gezogen. Würde man das von Seiten der Meinungsbildner als Herausforderung annehmen, könnte man endlich über Inhalte und Stärken der jeweiligen Kulturen sprechen und dabei die eklatanten Schwächen des Islam und unserer Kultur in der Verwirklichung eines guten Lebens offenlegen. Dazu gehört vor allem die mangelhaft ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstkritik und damit Differenzierung.

Sorry, sollte ich ohne es zu merken vom Thema abgerückt sein. Aber die Hasskampagne ist eben bei mir eng mit aktuellen politischen Themen verknüpft. Ich sehe aber ein, dass es vielleicht unserer Diskussion dienlich wäre, wenn ich die wahnsinnige Politik, die permanent unter Morddruck zu stehen scheint, draußen lassen würde. ;-)“

Meine Antwort
„Lieber CZ, zwei Gedanken – die Gedanken-Felder der Politik scheinen mir oft Ersatzfelder für den Ausdruck von einem Unbehagen zu sein, dass häufig genug auf einem anderen Feld entsteht – wir sind ähnlich, wie Autofahrer unterwegs, die beständig Anlässe finden, Frustrationen durch Beschimpfungen anderer Verkehrsteilnehmer abzulassen ohne dass dies weitere Folgen hat im Schutzkäfig hinter dem Lenkrad. Politikauseinandersetzung ist in diesem Sinn häufig ein Substitut – ich spreche von Beobachtungen an mir selbst und unterstelle Dir hier nichts.
Zu Deinem anderen Gedanken, des Erreichens einer Autonomie eines Lebens-Gestalters – sind wir das nicht beständig, allerdings meist ohne das Bewußtsein dafür? Wen machen wir verantwortlich dafür, wie unser Leben verläuft. Wir sind die Gestalter und Akteure in unserem Leben, auch sogar weil wir uns dabei ständig mit Einflüssen auseinandersetzen. Nichts anderes tut ein Gestalter auf anderem Feld auch. Die Voraussetzungen mit denen wir dabei umgehen, mögen unterschiedlich sein. Akteur in seinem Leben ist aber jeder einzelne trotzdem. Problematisch finde ich dabei, dass wir in einer Kultur leben, die versucht über alles zu verfügen, was wir sind oder uns gegeben ist.“

CZ
„Verehrte Sabine, ich möchte sogar mit Nachdruck dafür einstehen, dass wir eine Kultur haben, die auch ganz und in jedem Lebensbereich versucht über uns zu verfügen. Ich glaube an die Kultur als eine gute Pädagogin, die in der Lage ist Führung und Halt in jeder Lebenslage zu bieten. Wie zuvor schon erwähnt möchte ich in ihr leben, weil ich im Streben nach mehr Autonomie und Freiheit die Familie und jede Art patriarchale Bevormundung ablege mit dem Erwachsenenalter.

Ich will eben deshalb auch keine Kultur integrieren, die mich auf familiäre Strukturen und deren Gewaltmonopol zurückwirft. Mich stören Kopftücher auf jungen Frauen im heißesten Sommer, weil sie mich an etwas erinnern, was ich bereits durch die Annahme meiner Kultur überwunden geglaubt habe. Jetzt werde ich durch diese Menschen, in der Regel fundamentalistische Muslime, die an die Familiengewalt, das heißt an ein uneingeschränktes Patriarchat als oberste Instanz glauben, zurückgeworfen. Das ist skandalös und das ist nicht nur ein schlechter Fahrstil oder motorisch sensuelles Unvermögen, sondern ein Angriff auf meine persönliche Integrität. Da würde ich am liebsten anhalten und aussteigen, aus dem Auto und wenn sie denn auch kommen würden, würde ich die Polizei rufen und sagen: Hier der Kerl unterdrückt seine Frau und Tochter, lässt sie kostenlos für sich wie Sklaven arbeiten, damit er der Dönermafia das überteuerte Gammelfleisch abkaufen kann. Und wenn sein Obermafiosi zum Krieg gegen die Ungläubigen ruft, aus der Türkei, dann würde dieser ungebildete Sklavenhalter, der nichts außer Suren kennt, ohne mit der Wimper zu zucken, auch noch auf offener Straße auf mich schießen.

Wenn es eine Unterdrückerkultur gibt, dann die, welche sich uns im islamischen Fundamentalismus zeigt. Unterwerfung ist ja nur deshalb von hellsichtigen Intellektuellen im Grunde ausreichend thematisiert worden. Nur unsere Politiker und Arbeiter sehen ja Fern, anstatt zu lesen.

Ich habe mich deshalb schon früh gefragt ob „Mutti“ das mit uns macht, damit wir sehen wie gut es uns bei ihr geht? 😂Will sie wirklich aus der BRD ein fundamentalistisches Matriarchat machen? Führt Merkel uns deshalb die Türkei als noch schrecklichere Alternative vor?

Aber Spaß bei Seite, wir sind hier ja in der Abteilung praktische Philosophie. Da sollte es auch Bezüge zur Praxis geben. Die Praxis aber ist immer Politik, d.h. praktische Philosophie ist die Grundlagenforschung der Politik. Shakespeare ist Politik, Sturm und Drang ist Politik, Romantik ist medienpolitische Ökonomie u.s.w. Wir kommen hier aus dieser Nummer nie wirklich raus, auch wenn wir vorgeben objektiver zu sein, als ein Politiker oder Journalist.“

Meine Antwort
„Lieber Christoph, Überlegungen zur praktischen Philosophie machen vor allem da Sinn, wo sie als Ausgangspunkt unsere Vorstellungen von Ethik beleuchten. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit prinzipiellen Überlegungen zum Menschen. Kulturvergleiche sind meist mehr Ablenkung als Hinweise auf diese Themen, weil sie eben meist eher ideologische Konzepte sind. Politische Instrumentalisierungen kultureller und religiöser Fragen haben historisch häufig schreckliche Konsequenzen und erzeugen oft genau das Gegenteil von dem, was sie vorgeben zu garantieren.
Politisch bewegt mich mehr das Recht auf Bildung das allen zukommen sollte oder Fehlsteuerungen im Gesundheitssystem, deren Folgen ich selbst als Betroffene kürzlich überlebt habe und die Selbstentmündigung des Zoon Politicon.
Insofern ist das richtig von Dir angemerkt, Kultur wäre also der Pädagoge zur Mündigkeit. Wir Leben also in einer Zeit des Kutlurverlustes, die uns von unserer Bewußtwerdung der Mündigkeit ablenkt und das meinte ich mit „verfügen bis in die letzte Ecke unseres Daseins“. Diese Industrie der Ablenkung von, statt der Hinführung zur Kultur hat sehr gewaltsame Auswirkungen. Können wir uns dahingehend verständigen?“

CZ
„Vergleiche sind Differenzierung. Gerade in meinem Beispiel geht es ganz konkret um eine Vorstellung von Ethik. Während der fundementalistische oder auch der pietistische (fromme) Islam eine überkommene Ethik fördert, die sich zum größten Teil aus der Unterwerfung eines patriarchalisch ausgerichteten Glaubenssystem herleitet, hat ein moderner Islam ja durchaus verstanden, dass nicht nur die Gleichberechtigung von Kind, Frau und Mann in der Gesellschaft, einen ethischen Wert besitzen, der Islam konform ist.

So ein Islam hat eine Kultur angenommen, die mit meiner kompatibel ist. Er versteht etwas von dem Sinn von Religionen, als Bindungs- und Übungssyteme im Kern einer jeden Kultur. Wir dürfen als Muslime eben dann auch Tiere essen, wenn sie durch entsprechende Technik, die früher das Schächten war, getötet und verarbeitet werden. Solange sich jeder daran hält. Selbst Schweine sind nicht unrein, und schaden uns auch nicht, wenn sie richtig gehalten werden und das Fleisch gekühlt bleibt. Wer sich durch das andere Geschlecht in der Andacht und bei der Ausübung von Riten ablenken lässt, oder glaubt abzulenken, kann sich ja verschleiern, auch Männer, nur muss er das nicht prinzipiell und in einer Öffentlichkeit außerhalb der Versammlungsstätte, die ursprünglich der Hof von Mohammeds Wohnhaus war. Denn Moschee meint Ort der Niederwerfung und nicht Unterwerfung. Es soll so schließlich die Größe Gottes gefeiert werden und nicht die des Patriarchen und Obermafiosi.

Alles Differenzierungen! Alles Ethik! Alles Grundlage für ein sinnvolles politisches Handeln! Kultur ist ein Leitsystem das benutzt werden darf. Im Gegenzug muss auch die Kultur mein Denken beeinflussen dürfen. Sie ist als ein kollektives Instrument jedoch nicht die letzte Instanz der Entscheidung, für das gelingende Handeln. Sondern das Individuum selbst, muss ein Vetorecht besitzen, um seine Unabhängigkeit, welche durch seinen Körper bestimmt ist, durchsetzen zu können. Kultur ist Führung, Heimat und Lehre und nicht nur ein beliebiges Angebot im Veranstaltungskalender.

Die Kultusminister müssten die Kapitäne sein, die den Kurs bestimmen und nicht die Verwalter der Macht, die man Präsidenten nennt. Die Idee der Föderation ist eine Option für einen Pluralismus, welche im EU-Wahn einer Monokultur nach amerikanischem Vorbild zu ersticken droht. Wir hätten schön längst verstanden wie Integration von kulturellem Brauchtum funktioniert, hätten wir nämlich noch die Chance von Land zu Land voneinander zu lernen. Vereinheitlichung, wie sie der Neoliberalismus lehrt, ist nämlich deshalb genau das Gegenteil von einem lebendigen Kulturbewusst-Sein.“

30.09.2016 | 40 Jahre Kult von „Nordsee ist Mordsee“ zu „Tschick“

Ich habe gehört, der Roman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf würde im Deutschunterricht gelesen. Als ich heute aus dem Kino kam beschäftigte mich, ob es Zufall sein kann, dass ich an den Film „Nordsee ist Mordsee“ denken mußte, in dem Uwe Bohm, der den abgebrühten, brutalen Vater des Hauptprotagonisten Maik in „Tschick“ spielt, seine erste grosse Rolle in einem ähnlichen Alter und mit einigen Verwebungen zum Stoff 1976 als Sohn verkörperte – Regie damals Hark Bohm. Für uns Kult. Na klar – im Spiegel war man schon drauf gekommen und offensichtlich hat die Familie Bohm tatsächlich mit Grund mitgewirkt. So klappen verschiedene Ebenen im Film für Besucher meiner Generation um. Das Ergebnis ist toll. Auch, weil im Film selbst bis zuletzt ein Zweifel bleibt, ob nicht alles die Fantasie Maiks ist… Ich hoffe, ich habe nicht zuviel verraten – reingehen – nicht nur die Story, auch die Bilder, die Farben und der Soundtrack sind fein.

Dieses Zitat aus einem Spiegel Artikel finde ich ganz interessant, denn es kennzeichnet ein Wenig den Gedanken, den ich bezogen auf meinen eigenen Lebensweg hatte, als ich aus dem Film kam und den ich in der geschickten Besetzung Uwe Bohms als Vater provoziert fand – „Wolfgang Herrndorf war bereits todkrank, als er das Buch schrieb, und die Nähe des Todes ist in Form einer existenziellen Verdichtung zwischen den Zeilen spürbar. In seinem Roman öffnet er den Raum für eine Welt des Sommers und der Freiheit. „Projekt Regression: Wie ich gern gelebte hätte“, schrieb er dazu in „Arbeit und Struktur“.“
http://www.spiegel.de/kultur/kino/tschick-verfilmung-fatih-akins-perfekter-roadmovie-a-1110512.html
Manchmal stellt man fest, dass man im Handumdrehen in einem Erwachsenenalbtraum aufwacht – weil man seine Helden veraten hat oder weil man sich veraten fühlt.